Es gab im 10.4er Update von Logic Pro im Februar 2018 ein Feature, dass mich kurz aufhorchen ließ: Smart Tempo. Ich hatte Logic Pro im Januar mal angetestet und fand es super. Smart Tempo erweckte dann etwas später kurz mein Interesse, aber nur ganz kurz. Im neuen Update vom letzten Monat hörte man wieder etwas vom Smart Tempo, aber diesmal mit etwas mehr Nachdruck…

Aber ganz von vorne…

Man kann eine digitale Audio-Workstation vielfältig nutzen. Wenn ich mit meinem anderen Recording-Projekt mound aufnehme, dann funktioniert das etwas mehr in Richtung klassisches Bandgefüge. Wir proben zusammen und recorden dann eine Gitarre und die Drums als Basistracks. Wir machen das allerdings ohne ein Metronom einzusetzen, weil dies erstens jegliche Stimmung killt und wir es zweitens schlichtweg nicht hinbekommen 😉

Also nutzen wir die Aufnahmemöglichkeiten der DAW wie eine klassische Bandmaschine. Alles wird so festgehalten wie eingespielt und das Raster und Tempo der DAW wird komplett ignoriert. Das bringt allerdings einige Nachteile mit sich…

Studer Bandmaschine (Quelle: analog-service.com)

  1. Ich kann später keine Parts (Strophe, Refrain, Bridge, etc…) einfach so an einen anderen Teil des Songs verschieben, weil der Song nicht akkurat in Beats und Ticks aufgeteilt ist (Ja ich weiß, solche Schummeleien hätten die Beatles nie gemacht). So etwas ohne Raster trotzdem zu versuchen treibt einem schnell den Schweiß auf die Stirn.
  2. Außerdem kann ich keine zeitbezogenen Effekte anwenden (Delay, Wah, Tremolo, Vibrato, etc…), die anhand des Tempos bequem eingestellt werden. Auch hier könnte ich die Zeit durch hören in Millisekunden per Hand einstellen, aber das ist alles andere als bequem.
  3. Ich kann nicht mal eben schnell eine Loop einfügen, die dann anhand des Songtempos gestretched wird und ohne Umwege sofort mit dem Song mitgroovt. Der Einsatz von Samples ist natürlich immer Geschmackssache und ich will hier auch keine Diskussion über samplebasierte Musik vom Zaun brechen. Wenn ich mich nochmal auf mound beziehe, dann setzen wir dort schon gerne mal Percussion-Parts ein, die auf Sample-Loops basieren (Schande über mein Haupt…) 😀

Um es kurz zu machen: Es ist ohne Frage von Vorteil, wenn der aufgenommene Song irgendwie in ein Raster oder Tempo der Audio Workstation passt.

Wenn die Musik ins Tempo der DAW passt, bringt das gewisse Vorteile.

Logic Pro X und das smarte Tempo

Im Februar Update auf Version 10.4 wurde neben anderen Neuerungen die Smart Tempo Funktion eingeführt. Was ist das genau? Relativ simpel: Ich kann nun ohne Klick bzw. Metronom etwas in Logic einspielen und die DAW passt automatisch sein internes Tempo an mein gespieltes Tempo an. Fantastisch. Es wird also das Feeling der Performance beibehalten (wenn man denn von Feeling sprechen kann, denn ab einem bestimmten Grad kann das „Feeling“ auch stümperhaft klingen 😉 ).

Szenario Eins: Etwas Aufnehmen und das Projekttempo an diese Aufnahme anpassen

Ganz einfach: Ich habe eine Idee, entweder alleine mit meiner Gitarre, oder Piano, oder aber auch im Proberaum mit Drums und will diese Idee festhalten. Mir ist in diesem Moment völlig egal, wieviel Beat Per Minute (BPM) diese Idee hat und will da auch vorher in der DAW nichts rumfummeln. Eine Sache sollte ich aber einstellen! Logic sollte zumindest wissen, dass ich etwas recorden möchte und das Tempo dann automatisch analysieren will.

Das Smart Tempo sollte in diesem Fall auf „Anpassen“ stehen

Oben unter der BPM Anzeige (völlig egal was dort steht) kann man eine entscheidende Einstellung für’s Smart Tempo vornehmen: Beibehalten oder Anpassen. Da ich hier will, das Logic sich meinem Spieltempo anpasst, wähle ich … ja, genau Anpassen. Die Einstellung Auto ist übrigens ziemlich überflüssig und kann man getrost ignorieren.

Wenn ich nun einfach mal mit meinem Midi Controller einen einfachen Beat einspiele, dann sieht man nach der Aufnahme gleich mit welchem Tempo(-schwankungen) ich das aufgenommen habe. Aber das ist ja nicht schlimm und nur menschlich. Wichtig ist, dass Logic sich dem anpasst.

Logic erkennt meinen Groove 😉

Super. Ich kann jetzt das Metronom einschalten und das ganze passt einfach:

Und wenn ich die Region mal doppelt anklicke, um den Editor aufzurufen, dann gibt es den neuen Tab Smart Tempo, wo ich sehen kann wie Logic die Region analysiert und eingeteilt hat. Die etwas helleren orangen Linien zeigen immer die Downbeats. Hier kann man gut sehen, dass auf der 1 und 3 die Downbeats (Kickdrum) gewählt wurden, was perfekt passt.

Der Smart Tempo Editor

Falls die Analyse mal nicht so auf’n Punkt ist, was durchaus mal passieren kann wenn das Aufgenommene schwieriger zu analysieren ist, ist es möglich hier auch selbst Hand anzulegen, wie man es von Flex Time schon kennt.

Geht das denn auch mit Audiomaterial?

Ja, das funktioniert auch mit Audiomaterial. Beatboxen kann ich nicht so wirklich gut, daher benutze ich einen Shaker, der hier auf dem Schreibtisch rumliegt…

Audiomaterial wird genauso analysiert, wie Midimaterial

Was soll ich sagen? Ich bin begeistert. Wenn ich jetzt alleine zuhause etwas recorde, richte ich mich meistens nach einem Metronom oder sonstigem Takt, aber gerade im Proberaum mit einem Schlagzeuger an der Seite ist Smart Tempo ein Segen!

Projekttempo an importiertem Material anpassen

Wenn ich jetzt bereits Material vorliegen habe, dass ich in Logic importieren will (entweder mit einem mobilen Recorder aufgezeichnet, in einer anderen DAW oder auch bei Samples von Vinyl oder sonstwas), kann ich selbstverständlich auch Logic dessen Tempo aufdrücken.

Ich hab jetzt einfach mal etwas von einer 1971er Soulplatte gesampelt und in Logic eingefügt. Die Smart Tempo Einstellung oben lasse ich auch hier wieder auf Anpassen und ziehe mein Sample einfach in Logic hinein. Sofort wird das Material analysiert, der erste Downbeat erkannt und das Tempo von Logic dementsprechend angepasst. Nice! Hier musste ich allerdings einen Downbeat-Marker per Hand im Editor etwas verschieben, aber das waren höchstens zwei Klicks. Wenn ich im Editor allerdings etwas ändere muss ich danach kurz auf Bearbeiten -> Regionstempo auf Projekttempo anwenden klicken, damit diese Änderung dann auch im Projekttempo übernommen wird.

Importierte Samples können auch auf Wunsch analysiert werden…

Ich hoffe man kann das Metronom im Hintergrund hören … passt!

Wenn ich die Regionen innerhalb eines Arrangements nun verschiebe oder kopiere, wird die entsprechende Tempoinformation natürlich immer dementsprechend mit verschoben / kopiert. Dazu gab es in der 10.4er Version noch einen Bug, aber der ist seit 10.4.1 behoben. Die Möglichkeit der Analyse von importierten Midi Regionen ist übrigens seit Version 10.4.2 ebenfalls möglich. Smart Tempo läßt mittlerweile keine Wünsche mehr offen.

Ebenfalls möglich ist nun die Analyse von mehreren Spuren, die zu einem Mehrspurprojekt gehören. Hat man beispielsweise mehrere Stems einer Studio-Aufnahme, die ohne Klick in einer anderen DAW aufgenommen wurden und will diese in Logic importieren, kann auch hier nun das Tempo analysiert und angenommen werden.

Ich ziehe also die Spuren alle auf einen Schlag in das Logic Fenster, dann fragt mich die DAW, ob ich für jede Datei einen Track anlegen will und ob diese Dateien alle zu einem Recording-Projekt gehören. Beides bejahe ich und Logic analysiert alle Tracks … das kann einen Augenblick dauern. Ich habe jetzt hier leider keine Mehrspurprojekt auf der Festplatte, um das zu zeigen…

Wenn ich nach der Analyse in die Tempospur schaue, sehe ich wie Logic das Tempo angenommen hat. Es wurde anhand aller Spuren im Hintergrund ein Downmix angefertigt uns somit das durchschnittliche Tempo aller Tracks ermittelt und in der DAW angewandt. Wenn man einen Track (Region) doppelt anklickt und dann den Smart Editor aufruft, kann man oben per Auswahl alle einzelnen Tracks auswählen und hier kann man dann auch den Downmix ansehen und ggfs. das Smart Tempo anpassen. Großartig!

Angenommen ich habe ein Projekt mit mehreren Spuren, die alle einem variablen Tempo folgen, was ich vorher selbst eingespielt habe und will jetzt eine Loop von Vinyl einfügen, von der ich das Tempo nicht weiß?

Auch kein seltenes Szenario, dem ich selbst schon ein paarmal begegnet bin. Ich habe mit meiner Band eine Aufnahme im Kasten und würde jetzt gerne über die Bridge eine funkige Tamborin-Loop packen. Außer meinem mickrigen Shaker habe ich hier aber keine Percussion Instrumente zur Hand … Logic bietet zwar haufenweise Percussion-Loops aber die sind mir alle nicht cool genug. Also schnell die alten Vinylscheiben durchsucht und fündig geworden. Die Loop muß es es sein! Wie bekomme ich das jetzt in mein Projekt und Tempo?

Smart Tempo und Flex Time Hand in Hand…

Ich habe hier jetzt einfach mal die Drums aus einer mound Recording Session genommen, die für sich schon recht variabel im Tempo ist. Jetzt nehme ich irgendein Sample einer Soulplatte, in dem keine Tempoinformationen gespeichert sind und ziehe die in eine neue Spur. Wichtig ist an dieser Stelle, dass oben in den Smart Tempo Einstellungen des Projekts Tempo beibehalten ausgewählt ist, denn sonst würde Logic das ganze Projekt an das Sample anpassen. Ich will aber ja den umgekehrten Weg.

Smart Tempo hilft mir nun, das Tempo des Samples herauszubekommen. Ein Rechtsklick auf die neue Audioregion und unter Tempo -> Smart Tempo Editor denselbigen aufrufen … ein Doppelklick auf die Region tut’s aber auch.

Jetzt fragt Logic, ob ich das Sample analysieren möchte. Das bejahe ich, da ich die Tempoinformationen benötige. Im Editor schaue und höre ich, ob Logic alles richtig erkannt hat. Ich muss in diesem Fall den ersten Downbeat (hellere orange vertikale Linie) anpassen. Es gibt mehrere Optionen diese Linien zu verschieben (anhand der verschiedenen Punkte auf der Linie). Ich entscheide mich für den unteren Punkt (alle bewegen), da die Abstände der restlichen Marker korrekt aussehen.

Bevor ich nun weiter mache, muss ich Flex Time für diese Region aktivieren (das hätte ich auch schon vorher machen können). Das mache ich ganz einfach oben links im Regions-Inspektor unter Flex & Folgen.

Flex und Folgen..

Dort wähle ich meistens Ein + Takte ausrichten. Weil Takte und Beats für meinen Geschmack etwas zuviel am Sample geraderückt und ein wenig vom Groove verloren gehen könnte. Jetzt muss ich die Tempoinformationen aus dem Smart Tempo Editor noch anwenden. Dazu wähle ich unten im Smart Tempo Editor das Menü oben links Bearbeiten und wähle dort Projekttempo auf Region und Downbeats anwenden. Zack wird das Sample zurechtgerückt. Es kann dann schonmal sein, dass der Downbeat nicht getroffen wird, aber das kann man ja relativ leicht per Hand hinrücken. Fertig.

Das klingt vielleicht etwas kompliziert, so wie es hier beschrieben ist, aber wenn man es ein paar mal gemacht hat, kommt einem alles recht logisch vor.

Fazit

Auch wenn die Einführung des Smart Tempos Anfang des Jahres noch etwas buggy und holprig war, wurde mit den Updates 10.4.1 und 10.4.2 alles gefixt und perfektioniert. Klar, wir reden hier von Computer Algorithmen und nicht alle Aufnahmen lassen sich so leicht analysieren. Aber trotzdem ist Smart Tempo zumindest für mich eine große Erleichterung. Hut ab, vor’m Entwicklerteam von Logic Pro. Jetzt habe ich es noch leichter die Overdubs für Aufnahmen aus dem Proberaum anzufertigen. Ob das unter’m Strich jetzt wirklich besser oder schlechter ist, sei mal eine ganz andere Frage 😉

Quellen

Man vergisst manchmal zu schnell, dass Apple ganz hervorragende Handbücher für ihre Produkte zu Verfügung stellt. Mir war die aktuelle Version zumindest eine große Hilfe

Logic Pro X 10.4 Handbuch (online)

Des weiteren haben mir die YouTube Videos von Dancetech wirklich geholfen, die einzelnen Smart Tempo Anwendungsszenarien besser zu verstehen. Ich habe mal alle seine Videos zu dem Thema in eine Playlist gepackt

Wenn jemand sich nochmal etwas zu Flex Time ansehen möchte, dem sei das folgende Videotutorial ans Herz gelegt. Der MusicHelpGuy ist für meinen Geschmack immer eine gute Anlaufstelle für alle Grundlagen von Logic Pro.