Am 21.Juni 2002 erblickte ein Tracker das Licht der Welt, welcher auch 15 Jahre später noch zu den beliebtesten DAWs gehört und dessen Sequenzer das Prinzip der nerdigen Musiktools der 90er nutzt.

Wenn man sich den Großteil der aktuellen Audio Workstations anschaut, funktionieren die alle eigentlich nach dem selben Prinzip: Ein Sequenzer dessen Timeline von links nach rechts abläuft. Dieser enthält Spuren die entweder Befehle für ein virtuelles Instrument oder konkrete Audiodaten enthalten. Diese Spuren sind immer alle untereinander angeordnet. Tracker funktionieren in der Regel etwas anders.

Der Renoise Sequenzer ist ein Tracker

Die Befehle für die virtuellen Instrumente folgen dem Prinzip der Notenrolle, die bereits im 19. Jahrhundert bei mechanischen Pianos zum Einsatz kam. Die „Noten“ eines Musikstücks wurden in eine Rolle gestanzt und mithilfe einer Mechanik wurden diese vorgegebenen Noten dann im Instrument abgespielt. Die Piano Roll ist heute in fast 90 Prozent der digitalen Audio Workstations für das Abspielen der virtuellen Instrumente (Synthesizer oder Sampler) verantwortlich.

Die Piano Roll in Bitwig Studio

Ende der 80er benötigten die Spieleprogrammierer-Nerds ein Tool, mit dem man möglichst einfach Musik für Computerspiele auf dem Commodore Amiga „komponieren“ konnte. Der Amiga war ein noch recht junger Computer und jede Softwareschmiede entwickelte irgendwie ihr eigenen Programme für diese Zwecke. Auch Karsten Obarski, der zu dieser Zeit bei EAS beschäftigt war, arbeitete an einem Musikprogramm und hat sich dabei von den wenigen Sequenzern, die es bereits für den C-64 gab, inspirieren lassen.

Er entwickelte den Ultimate Soundtracker, der in seiner Einfachheit alle anderen Lösungen übertraf. 1987 kam diese Software auf dem Markt und wenig später geisterte der Quellcode durch die Underground Musik- und Demoszene und es entstanden neue Tracker, die dem Original aber alle relativ ähnlich waren. Der Soundchip des Amiga konnte 4 Kanäle mit 8 Bit Samples gleichzeitig abspielen, daher verfügten alle damaligen Tracker über vier Kanäle.

Der Ultimate Soundtracker auf dem Commodore Amiga 500

Allerdings hat diese Art des Sequencing nie wirklich den Sprung in den Mainstream geschafft, denn für die meisten Musiker war das Eingeben von Zahlen und Buchstaben für die einzelnen Noten schlichtweg zu kompliziert. Wenn man sich einen Song in einem Tracker anschaut, könnte man meinen, man betrachtet eine umfangreiche und hochkomplizierte Tabellenkalkulationsdatei.

Doch die Fans der Tracker liebten ihre Sequenzer und auch als der PC den Amiga in den 90ern ablöste, portierten sie ihre Programme auf die neue Rechnerarchitektur und dank immer leistungsfähiger Rechner und Soundkarten, wurden auch die Tracker immer mächtiger.

Wie bereits eingangs erwähnt erblickte ein Tracker 2002 das Licht der Welt. Dieser Tracker heißt Renoise, ist mittlerweile in der 3.Version verfügbar und nutzt aktuellste Technologien, um gegenüber den großen, herkömmlichen DAWs bestehen zu können. D.h. man kann Renoise mit VST-Plugins erweitern, es sind haufenweise DSP-Effekte an Bord und Renoise verfügt über einen vorbildlichen Sampler. Dank ReWire kann man Renoise sogar in Verbindung mit einer anderen DAW benutzen.

Im Grunde haben Tracker und herkömmliche DAWs das gleiche Ziel: Das Produzieren von Musik. Die DAW nutzt dazu zwei Arten von Tracks. Es gibt einmal den Instrumententrack, der mithilfe von Anweisungen, die in Notenform die Piano Roll eingezeichnet werden, virtuelle Instrumente anspricht. Zum anderen gibt es den Audiotrack, der direkt aufgenommenes Audiomaterial / Samples (Gesang, Gitarre, …) enthalten kann.

Audiotracks, Instrumententracks und Automation im Bitwig Sequenzer

Der Tracker nutzt eigentlich nur eine Form von Tracks und das ist der Instrumententrack. Hier werden die Noten allerdings nicht in die Piano Roll eingezeichnet, sondern in Form von Buchstaben und Zahlen in einen vertikal scrollenden Track eingetragen. Was sich zunächst kompliziert anhört, ist im Grunde viel übersichtlicher, denn ich kann sofort sehen, um welchen Ton in welcher Oktave es sich handelt, wie laut dieser gespielt wird und welche Effekte er beinhaltet.

Ein Tracker hat keine Audiotracks wie man sie von einer DAW kennt. Es gibt eben nur oben genannte Instrumententracks. Allerdings verfügt jeder Tracker über einen eingebauten Sampler und daher können aufgenommene Parts ebenso im Track angesteuert werden, wie die anderen Instrumente, denn im Grunde ist er auch ein Instrument. Falls man es aber gewohnt ist die Wellenform seines Audiomaterials im Sequenzer zu sehen, wird einem diese Art zu arrangieren zunächst etwas fremd vorkommen.

Ein Audiosample im Renoise Sampler

Selbstverständlich kann ich das in jeder anderen DAW auch so machen: Ich nehme einen Audiotrack auf, füttere einen Sampler mit dem Material und steuere diesen über einen Instrumententrack an … macht aber eigentlich keiner so. Im Tracker geht es aber nicht anders. Der Nachteil hier ist dann, dass man die Wellenform im Sequenzer nicht sieht, sondern nur den Startpunkt der „Aufnahme“ anhand des Notennamens im Track. Somit verliert man bei längeren Samples, die im Grunde mehrere Noten enthalten dann doch schneller den Überblick.

Renoise bietet auch die Möglichkeit mit VST Plugins erweitert zu werden, entweder mit Effekten oder auch mit Instrumenten. Denn mehr Instrumente als der Sampler sind in einem Tracker nunmal nicht vorhanden. Der Umfang der nativen Effekte kann sich aber sehen lassen.

Renoise verfügt über haufenweise Effekte

Über die Qualität dieser Effekte lässt sich streiten, aber ich kann nichts Schlechtes über diese sagen. Mir gefällt der Convolution Reverb, den ich mit allen möglichen IRs füttern kann und ich mag den Sound des Filters und des Cabinet Simulators.

Ebenfalls richtig mächtig ist die Möglichkeit jedes einzelne Sample mit einer individuellen Modulationskette zu versehen. Ebenso kann man auch jedes Sample mit einer eigenen Effektkette manipulieren. Die Möglichkeiten sind zwar nicht ganz so vielfältig wie in Bitwig Studio 2, lassen aber trotzdem kaum Wünsche offen.

So ungewöhnlich der Sequenzer eines Trackers für die meisten sein mag, so unglaublich minituös sind die Möglichkeiten der Samplemanipulation. Mithilfe der speziellen Trackerbefehle im Sequenzer sind so Sachen wie Stutter-Effekte, Vibrato oder Reverse im Handumdrehen erledigt.

Zum Glück gibt es im Programm auch eine Übersicht der Effektbefehle. Diese alle auswendig zu lernen dauert einige Zeit…

Der einzige Nachteil in meinen Augen sind die Audio-Recording-Möglichkeiten eines Trackers. Während es durchaus möglich ist mit dem eingebauten Sampler einzelne Samples aufzunehmen, egal wie lang diese sind – und dies ist auch synchron zum Rest des Songs möglich – kann man nunmal keine Mehrspuraufnahmen machen. Weder kann man mehrere Audioaufnahmen, noch Audio- und Midiaufnahmen zur gleichen Zeit anfertigen. Daher ist ein Tracker sicherlich nicht die erste Wahl, wenn man in Bands mit traditionellen Instrumenten spielt, oder eventuell Livemitschnitte anfertigen möchte.

Man kann in Renoise natürlich auch direkt Audiomaterial recorden und im Sampler dann bearbeiten

Neben der Mehrspuraufnahme ist auch die Aufnahme von Instrumententracks mithilfe des Midi-Controllers nicht frei von Problemen. Da Renoise die Verzögerung der Noten, die nicht exakt im Grid liegen (bei live eingespielten Noten liegen die eigentlich nie exakt in der Zeit), mithilfe eines Delay-Wertes angibt. Außerdem wird gespeichert, wann eine Note / Keyboardtaste losgelassen wurde und wenn man polyphone Noten spielt, werden u.U. zusätzliche Unterspuren angelegt. All dies macht die Aufnahme im Sequenzer zu einem chaotischen Kauderwelsch, zumindest visuell. In meinen Augen nicht sehr übersichtlich … leider.

Was mich an Renoise trotzdem fesselt ist der Sampler. Ich nutze ihn um eigene SamplePacks zu basteln. Er ist ein verdammt guter Sampler und die Arbeitsweise mit ihm geht mir persönlich gut von der Hand. Der Vorteil? Es ist quasi ein Standalone Sampler und ich brauche meine DAW nicht extra zu starten (was bei Bitwig schon etwas dauert) und er kann auch tatsächlich recorden. Die meisten Software Sampler können nicht selbst Material aufnehmen, Renoise schon. Außerdem sind die Effekte und Modulationsmöglichkeiten wirklich gut und es ist total einfach die fertigen Samples zu exportieren.

Im Keyzone Editor von Renoise kann jedem Sample sein Tastenbereich und Velocity-Bereich zugewiesen werden

Es fehlen dem Sampler zwar einige professionelle Features, wie z.B. das Streamen von Samples direkt von der Festplatte (DFD) – deshalb ist Renoise nicht unbedingt für gigabytegroße Bibliotheken mit realistischen Instrumenten geeignet. Außerdem gibt es keinen Timestretch-Algorithmus, d.h. das Verteilen eines Samples auf der Keyboard Tastatur ändert je nach Tonhöhe auch die Abspielgeschwindigkeit. Das sind Einschränkungen die man in Kauf nehmen muss.

Fazit

Nichtsdestotrotz ist Renoise eine DAW, die mich seit ungefähr zwei Jahren in ihren Bann gezogen hat. Ich benutze sie immer wieder mal und wenn es nur zum Samplen ist. Die aktuelle Arbeit an diesem Tracker ist ein wenig eingeschlafen, weil das kleine Entwicklerteam momentan in andere Projekte involviert ist. Aber dieser ganze Updatewahn ist sowieso ein Thema für sich. Heutzutage kauft kein Mensch mehr eine Software, wenn er nicht sicher sein kann, dass diese in der nächsten Zeit regelmäßig aktualisiert wird. Aber mir ist sowas egal. Renoise ist stabil und bietet mehr als genug Features. Außerdem ist sie verdammt günstig.

Wenn man also überwiegend am Rechner produziert und seine Musikstücke lieber programmiert als einspielt, dann sollte man ruhig mal einen Blick auf Renoise werfen. Die Arbeitsweise eines Trackers hat sicherlich ihre Vorteile und lässt bei dem ein oder anderen vielleicht die kreativen Säfte wieder fließen 😉 Ich zumindest war sofort angetan von Renoise und bin sogar froh, mit dem Kauf der Software das Entwicklerteam unterstützt zu haben. Auch wenn der Sequenzer absolut nichts für einen ist, kann man Renoise trotzdem ganz hervorragend als reinen Sampler einsetzen. Es gibt diesen Sampler übrigens auch noch in VST-Form. Redux ist der Renoise Sampler als Plugin. Also, Demo herunterladen und ausprobieren…

Hast Du Renoise schonmal getestet? Was hältst Du davon? Schreib’ in die Kommentare oder per Twitter.