Seit ein paar Wochen besitze ich neben meinem alten Macbook (2013) einen aktuellen PC Laptop. Ich wollte einfach etwas Flotteres fürs Schreiben, Programmieren und Grafik- bzw Video-Editing. Es ist dann ein HP Envy x360 (13″) mit Windows 10 geworden. Einfach aus dem Grund, weil ein aktuelles Apple Laptop übertrieben teuer ist. Ich besaß vor 2017 eigentlich immer einen Windows Rechner, daher ist mir die Umstellung nicht allzu schwer gefallen.

Die meiste Zeit meines Computerlebens habe ich mit Windows verbracht, aber jetzt hatte ich nach zwei Wochen genug. Ich mag Windows nicht mehr, weder das Aussehen noch irgendwas. Aus diesem Grund habe ich mich mal wieder an ein Linux System versucht. Linux habe ich während der Studienzeit vor über 15 Jahren für ein paar Jahre eingesetzt und mochte es sehr. Allerdings war das nie wirklich etwas für Medienanwendungen, wie Videoschnitt bzw. -produktion, Musikproduktion und Photoshop hat mir auch immer gefehlt. Wie gesagt, das ist schon einige Monde her und daher wollte ich mal sehen, wie aktuelle Distributionen das so meistern.

Elementary OS in Action…

Da ich die Oberfläche eines Mac OS gewöhnt war habe ich mir natürlich sofort ein aktuelles Image von Elementary OS heruntergeladen und einen USB Stick damit präpariert. Dafür nutze ich seit Jahren Rufus. Mit allen anderen Programmen aus dem Bereich habe ich immer Probleme gehabt.

Bevor man von solch einem Stick booten kann, muss man bei Laptops, die nicht älter sind als 10 Jahre im BIOS diesen Secure Boot Quatsch abstellen und eventuell die Bootreihenfolge (USB Medien an erster Stelle) ändern… dann sollte das Starten des Live-Linux aber kein Problem sein. Ratzfatz flimmerte der wunderschöne Desktop von Elementary OS auf meinem 13″ Display des HP Notebooks. Ein wenig herumgeklickt und kurzerhand das Installationprogramm gestartet. Vorher hatte ich mir die Hälfte der schnellen 500GB SSD Platte schon freigemacht.

Auch die Installation lief problemlos. Nach dem Aufspielen von Bitwig, Tracktion Waveform Free und einigen anderen Applikationen stürzte der Rechner das erste mal ab. JACK bekam ich auch nicht zum Laufen und die Abstürze häuften sich … irgendwann hatte ich gar keinen Sound mehr. Da ich kein Hardcore-Linux-Typ bin, habe ich gar nicht erst versucht irgendwas zu reparieren. Browser an, aktuelles Ubuntu heruntergeladen und auf den Stick kopiert … nochmal von vorne.

So erstrahlte Ubuntu 19.10

Ubuntu ist etwas ausgereifter und daher erhoffte ich hier weniger Probleme. Und siehe da, bis zum Schreiben dieses Artikels hatte ich absolut keine (grundlegenden) Probleme … Ubuntu ftw!

Was benötigt man für die Audioproduktion unter Linux?

Zunächst einmal ist die Frage, was man unter Audioproduktion versteht. Ich betrachte hier nur den Aspekt der In-The-Box Produktion. D.h. es wird ausschließlich mit Software, Samples und virtuellen Instrumenten auf dem Rechner gearbeitet. Ich habe hier jetzt keine Audio-Interfaces oder externen Instrumente ausprobiert, somit auch eine Mehrspuraufnahmen, wie man sie für eine Band benötigen würde. Ich habe lediglich meinen Laptop mit dem eingebauten Audio-Interface benutzt, eine Handvoll DAWs angetestet und diverse Tools und Plugins ausprobiert. Die einzige Hardware, die ich hierfür eingesetzt habe, war mein Midi-Controller.

Als erstes habe ich JACK installiert. Das JACK Audio Connection Kit ist eine Software-Schnittstelle für Audio-Apps auf Unix-Systemen. Es ermöglicht zum einen niedrige Latenzen und zum anderen kann man hiermit virtuell alle möglichen Audio-Programme miteinander verkabeln. Also ist es quasi eine Mischung aus Core Audio auf einem Mac und Rewire. Das ist schon echt nett! (JACK gibt es zwar mittlerweile auch für Windows, funktioniert bis dato aber nur mit 32Bit Anwendungen).

Ich muss dazu sagen, dass ich fürs Einlesen in die Materie und Installieren von JACK zwei Tage benötigt habe. Daran kann man schon sehen, dass das Einrichten einer Produktionsumgebung unter Linux nichts für Nicht-Nerds ist.

Cadence und Catia (KXStudio)

Nach weiteren Stöbern im Netz bin ich auf KXStudio gestoßen. Dies ist eine Toolsammlung für Linux, speziell für Audio-Anwendungen. KXStudio hat auch sehr hilfreiche Tools zum Einrichten von JACK (Cadence) und zum virtuellen „Verkabeln“ unterschiedlicher Musikprogramme (Catia). Aber wie gesagt, das muss man erstmal wissen. Als das dann alles lief (was nicht ganz so einfach war), habe ich dann ein paar DAWs ausprobiert.

Einige DAWs für Linux

Zuerst habe ich mir mal die Linux-Version von Bitwig heruntergeladen, aktuell Version 3.13. Die Installation war absolut problemlos und Bitwig flimmerte kurze Zeit später auf meinem Laptop Monitor.

Bitwig 3.13 auf Linux…

Bitwig gehört zu den wenigen „großen“ DAWs, die eine Linux Version anbieten. Diese DAW läßt kaum Wünsche offen, kostet aber mittlerweile 379 Euro. Dafür bekommt man kostenlose Updates für ein Jahr. Ein weiteres Update würde dann mit 159 Euro zu Buche schlagen. Ein stolzer Preis, dafür bekommt man aber ein Paket, dass Einiges bietet.

Die integrierten Instrumente und Effekte bieten unendliche Soundmöglichkeiten und das Modulationssystem in Bitwig bietet keine andere DAW. Sei der Version 3 ist das Grid dazu gekommen, mit dem man wie bei einem modularen Synthesizer, seine eigenen Instrumente und Effekte zusammenbauen kann. Allein der native Sampler ist seit der Version 2.4 ein Sound-Design Monster!

Als nächstes stand Tracktion Waveform Free auf meinem Zettel. Diese freie DAW wird wohl ab April frei downloadbar sein. Es gab vor kurzem eine Aktion der Zeitschrift Computer Music, bei der man sich schon jetzt eine freie Version von Waveform 10 herunterladen konnte. Diese Aktion ist aber schon abgelaufen. Wenn mich nicht alles täuscht, ist dies die gleiche Version wie die OEM Version, die man zusammen mit Midi-Controllern einiger Herstellern bekommt. Die OEM und Free Version ist ein wenig abgespeckt, verglichen mit der kostenpflichtigen 10er Version. Ich glaube es fehlen einige Effekte und Instrumente.

Tracktion Waveform Free

Wer schon jetzt in den Genuss einer kostenlosen Tracktion DAW kommen möchte, kann sich Tracktion T7 herunterladen. Diese bietet ähnlich viele Features und ist schon seit zwei Jahren kostenlos. Tracktion hat sich einen Namen damit gemacht, dass sie immer wenn es ein großes Update ihrer DAW gibt, sie eine ältere Version kostenlos anbieten. Und sie gehören zu den wenigen Entwicklern, die ebenfalls das Linux Betriebssystem berücksichtigen.

Auch hier verlief die Installation völlig problemlos und die DAW war in kürzester Zeit einsatzbereit.

Natürlich darf Reaper nicht auf der Liste fehlen. Reaper bietet noch nicht allzu lange eine Version für Linux an (seit dem Juli 2018) und sie schreiben auch ausdrücklich, dass es eine experimentelle Version ist und dass man keinen Support erwarten kann.

Aktuell ist Reaper in der Version 6.05 erhältlich. Ähnlich wie bei Tracktion ist der Download recht klein und die Software ruckzuck auf der eigenen Festplatte. Man hat hier sogar die Wahl, ob man die DAW installieren will, oder eine portable Version direkt starten möchte. Ich entschied mich für Variante zwei und Reaper startete ohne Probleme.

Reaper 6.05

Reaper hat eine große Fangemeinde und ist mit einem Preis von 60€ im unteren Bereich angesiedelt. Auch wenn das GUI von Reaper etwas … naja, „altbacken“ aussieht, ist der Funktionsumfang der DAW nicht zu unterschätzen. Die Workstaton bietet alles, was man sich für die Musikproduktion wünscht, auch wenn die Bedienung vielleicht etwas gewöhnungsbedürftiger ist, als bei Bitwig oder Tracktion. Bei Reaper ist der Großteil der Funktionen in Menüs versteckt.

Reaper bietet außerdem einen Sampler und Synthesizer, sowie haufenweise Effekte und die Möglichkeit das GUI komplett an seine Bedürfnisse anzupassen. Außerdem beinhaltet Reaper JSFX Effekte, die in der Scripting-Sprache EEL2 geschrieben wurden und dem Nutzer die Möglichkeit bietet, eigene Effekte zu programmieren.

Wer es etwas exotischer oder besser gesagt mehr oldschool mag, der sollte unbedingt mal einen Blick auf Renoise werfen. Renoise ist eine Tracker DAW, die ebenfalls für Linux erhältlich ist. Diese Workstation gehört ebenfalls zu meinen Lieblingstools und ich habe hier im Blog schon einiges dazu geschrieben. Renoise ist ebenfalls kostenpflichtig, aber mit knapp 70 Euro recht erschwinglich. Falls jemand sich nicht traut einen Tracker als Sequnezer zu nutzen, der kann auch das Plugin Renoise Redux (ebenfalls für Linux erhältlich) in einer anderen DAW nutzen. Das ist quasi der Sampler von Renoise.

Renoise 3.21

Man kann in Renoise auch Plugins (Instrumente und Effekte) nutzen. Außerdem gibt es jede Menge native Effekte und das Herz des Trackers ist der ganz wunderbare Sampler. Es besteht die Möglichkeit Modulation und Effekte per Sample anzuwenden und viele weitere Spielereien, die diese DAW zu einer echten Alternative zu den gängigen Sequenzern macht.

Neben den hier genannten DAWs gibt es natürlich noch die weniger bekannten DAWs, die es schon ewig speziell für Linux gibt. Dort hätten wir Ardour, LMMS, Rosegarden, QTractor und nicht zu vergessen Audacity. Auch diese DAWs könnte man sich mal genauer ansehen, denn das sind sicherlich brauchbare und kostenlose Alternativen.

Ardour … (Quelle: ardour.org)

Die einzige externe Hardware, die hier zum Einsatz kam ist mein kleiner Midi-Controller (Nektar Impact LX25+). Ich habe eigentlich nicht erwartet, dass ich diesen so schnell zum Laufen bekomme. Aber ich hab‘ das USB Kabel eingestöpselt und in allen DAWs war der Controller sofort ohne Probleme verfügbar und einsatzbereit! Nice.

Was ist mit Plugins?

Aber wenn ich jetzt von Windows oder MacOS komme, kann ich dann meine ganzen Plugins auch unter Linux nutzen?“ … Jain.

Es ist theoretisch möglich Windows VSTs mithilfe von speziellen Bridges und dem Windows-Emulator Wine unter Linux zu nutzen. Aber ganz ehrlich? Wenn man ernsthaft Musik machen will und nicht nur herumtüfteln, würde ich diesen Weg nicht empfehlen. Ich habe einige Freeware VSTs zum Laufen bekommen, aber meistens funktionierte irgendwas nicht wirklich. Aber das heißt nicht, dass man unter Linux keine anderen Möglichkeiten hat.

LinuxVST

Viele Entwickler bieten ihre virtuellen Instrumente und Effekte mittlerweile auch für Linux an. An erster Stelle ist hier wohl das Team um Urs Heckmann, U-HE zu nennen. Die Firma programmiert wohl einige der beliebtesten Software Synthesizer und einige Effekte sind auch im Programm. Alle diese Plugins gibt es auch als native LinuxVSTs. Wer U-HE nicht kennt, der kann sich ohne Probleme mal eines der Demos ansehen. Es gibt übrigens einige kostenlose Synths und Effekte.

U-HE Zebralette (free) als LinuxVST in Bitwig Studio

Auch Audio Damage bieten einige ihrer Plugins als LinuxVSTs an, darunter auch der grandiose Granular-Synthesizer Quanta. Ebenso haben Audio Assault angefangen ihre aktuellen Plugins für Linux zu portieren. Und ich denke in der Zukunft werden noch weitere Anbieter auf den Zug springen. Im Renoise Forum gibt es eine Thread, der eine Vielzahl der erhältlichen LinuxVSTs mit Links aufzählt.

LADSPA

Aber selbst im Freeware Bereich gibt es genügend Optionen. Linux hat auch ein paar eigene Plugin-Formate, die allerlei Möglichkeiten der Sounderzeugung und -verbiegung bieten. Zum einen wäre hier das LADSPA (Linux Audio Developers Simple Plugin API) Format zu nennen. Die Plugins erinnern ein wenig an die JSFX Plugins unter Reaper. Auch hier hat der Programmierer kaum Möglichkeiten ein GUI zu gestalten, mal abgesehen von einigen Schiebereglern und Beschriftungen.

Aber es gibt haufenweise LADSPA Plugins und für grundlegende Mix-Aufgaben sind diese durchaus zu gebrauchen, man muss sich da nicht immer von einer schlichten grafischen Oberfläche täuschen lassen. Auf der offiziellen Homepage findet man Links und weitere Informationen. Einziges Manko: Nicht jede DAW unterstützt dies Format unter Linux, bspw. Bitwig.

LV2

LV2 steht schlichtweg für LADSPA Version 2 und ist somit der Nachfolger von LADSPA und wahrscheinlich am meisten verbreitet, wenn es um Audio-Plugins in der Linux-Welt geht. Es gibt auch hier viele gute Plugins, die vielseitig einsetzbar sind. Eine Übersicht findet man hier. Aber auch LV2 Plugins werden nicht von jeder DAW unterstützt (Bitwig, Renoise, …).

DSSI

Das Disposable Soft Synth Interface ist genauso wie LADSPA ein älteres Format, nur für Klangerzeuger. Die Auswahl an Plugins ist hier recht überschaubar und eher zu vernachlässigen. Weitere Informationen und eine Übersicht über existierende Projekte gibt es hier.

Carla

Wer ist Carla? Carla ist kein Plugin-Format, sondern ein Rack, in dem man Plugins einsetzen kann. Und zwar alle möglichen Formate: LinuxVST, LADSPA, LV2, DSSI und VST2/VST3. Ja genau, auch Windows VSTs (mit der Hilfe von Wine), allerdings habe ich ja vorhin schon erwähnt, dass die Performance eher dürftig ist. Aber nicht so mit den nativen Linux-Plugins in den anderen Formaten, diese funktionieren ganz hervorragend. Somit kann ich auch in DAWs die irgendwelche Formate nicht unterstützen, alle möglichen Linux-Plugins einsetzen. Danke Carla!

Carla mit einigen Plugins…

Carla verfügt über eine Patchbay, in der ich all diese Plugins dann miteinander verbinden kann. Das bietet so einiges an Flexibilität.

Die „Verkabelung“ in Carla…

Außerdem lassen sich auch Standalone-Programme, die über JACK laufen einbinden und genauso verkabeln wie die Plugins. D.h ich kann auch den Open Source Modularen Synthesizer VCV Rack ohne Probleme in mein Carla Rack einbauen.

VCV Rack in im Carla Rack…

Mal ehrlich, soviel Freiheiten und Möglichkeiten hatte ich unter MacOS nicht und unter Windows schon gar nicht. Gerade in Bezug auf VCV Rack musste man dort immer mit dem Bridge Plugin herum hantieren, dass offiziell gar nicht mehr unterstützt wird. Achso, hatte ich vorher schon erwähnt, dass es die freie Software VCV Rack auch für Linux gibt? Falls nicht, hab‘ ich das jetzt gerade nachgeholt. Und wer die Software noch nicht kennt … ernsthaft?

By the way wird Carla als Standalone und als LinuxVST Plugin installiert … was soll man da noch sagen?!

Programmierung

wer sich für die Programmierung im Bereich Audio interessiert, wird unter Linux sicherlich nicht enttäuscht. Ich fand Linux schon immer das beste OS für Entwickler, allein schon wegen der Tools, die von Haus aus dabei sind oder auch sonst recht schnell installiert sind.

Ich habe hier sämtliche interessanten Systeme in kürzester Zeit zum Laufen bekommen – naja, fast alle. (Pure Data, SuperCollider, Csound und Sonic Pi). Der C++ GNU Compiler ist sowieso standardmäßig an Bord und Frameworks wie JUCE gibt es natürlich auch für Linux.

Außerdem kann man sich an neuen Formaten, wie LADSPA, LV2 oder LinuxVST versuchen … ein Eldorado für Nerds.

Audio Programmierung unter Linux

Fazit

Es hat sich einiges getan in Bezug auf Musikproduktion auf einem Linux System. Es ist sicherlich nicht für jedermann etwas. Man muss Interesse am Tüfteln, dem Terminal und viel Einlesen haben. Man wird dann aber mit einer breiten Palette an herrlichen Tools belohnt, die einfach Spaß machen.

Vor 15 Jahren, als ich Linux zuletzt recht aktiv benutzt habe, war an die jetzigen Möglichkeiten gar nicht zu denken. Das Betriebssystem wurde von den DAW- und Plugin-Entwicklern komplett ignoriert.

Ich persönlich bin begeistert und werde mein System weiterhin mit Linux laufen lassen. Wobei ich allerdings noch den alten MacOS Rechner für meine anderen Bandaufnahmen nutzen, einfach weil ich mich da an einige virtuellen Instrumente gewöhnt habe.

Für den Neuling, der einfach Musik machen und aufnehmen will ohne groß etwas Einrichten zu wollen und kein großes Interesse am Experimentieren hat, für den empfehle ich ein MacOS System. Ich bin kein Apple Fanboy und bin auch der Meinung, dass die Preise einfach überzogen sind. Aber es läuft halt alles wirklich ohne irgendwelche Probleme. Windows ist auch einfacher zu Bedienen … naja, gut … ich werde mit dem OS einfach nicht warm.

Und wem es nur darum geht, die Tools zu benutzen die ALLE nutzen, der wird an Linux eh keine Freude haben… Für alle Nerds, die lieber mit einer Handvoll netter Tools arbeiten und Spaß am Experimentieren haben: Probiert Linux aus!