In meiner kleinen Band mound habe ich recht früh angefangen, das typische Prozedere zum Einfangen des Gitarrensounds für eine Aufnahme zu vermeiden. Denn normalerweise baut man den Gitarren-Amp und die Cabinet seiner Wahl im Aufnahmeraum auf, positioniert wahlweise zwischen einem und drei geeignete Mikrofone vor dem Speaker und wenn man dann alles richtig macht, klingt die Gitarre dann später genau so, wie man sie im Raum gehört hat. Wenn…

kleiner feiner Röhren-Amp

Denn wenn man das vorher noch nie gemacht hat, stößt man auf so einige Hürden. Wie genau positioniert man denn die Mikrofone? Muss man bestimmte Mikros benutzen? Ist die Beschaffenheit bzw. Akustik des Raumes eventuell auch wichtig? Wenn ich die Drums zunächst mit einer Gitarrenspur zusammen einspielen will, wie bekomme ich es dann hin, dass man die Drums auf der Gitarrenspur nicht hört? An meinem Audio-Interface habe ich nur einen Mikrofon-Eingang, wo stöpsel’ ich denn die anderen zwei Mikros ein?

Klar, es geht nunmal nichts über den Sound eines aufgedrehten Röhrenverstärkers. Will heißen, wenn ich komplett alleine zuhause übe oder nur für mich spiele mag ich es auch lieber, direkt vor einem richtigen Amp zu sitzen. Wenn diese Gitarre aber irgendwann aufgenommen werden soll und in der Aufnahme neben Drums, Bass, Vocals und anderen Gedöns existieren muss, hört kein Mensch mehr, ob diese über einen Vollröhrenamp eingespielt wurde, oder über eine Software-Emulation! Punkt.

Es ist nunmal viel, viel einfacher die Gitarre direkt an ein Audio-Interface anzuschliessen und den Verstärker und diverse Effekte per Software zu emulieren. Klar, auch hier muss man ein wenig investieren, aber verglichen mit den Kosten für einige Mikrofone, Mischpult und vor allen Dingen einer guten Raumakustik, sind diese meistens eher zu verschmerzen.

Der V-Amp war ein Traum eines jeden Homerecorders

Anfang der 2000er Jahre kamen die ersten digitalen Amp- und Cabinet Emulationen in Hardwareform auf den Markt. Zumindest konnte ich mir 2003 zum ersten mal solch ein Gerät leisten. Behringer war schon länger bekannt für günstige Einsteigerlösungen, aber auch für billige Ramschprodukte. Den V-Amp habe ich seinerzeit aber echt geliebt. Einfach Gitarre rein, den Ausgang an das Audio-Interface angeschlossen und man hatte die Auswahl aller möglichen Verstärker-Klassiker nebst diversen Bodentretern in Digitalform in seinen Händen. Für Röhrenpuristen mag das alles wie digitaler Schrott geklungen haben, ich fand’s super.

Den V-Amp habe ich bis 2005 benutzt, dann gefiel er mir komischerweise nicht mehr. Es kommt sicherlich auch auf die Gitarre an, die man mit dem Teil benutzt. Ich habe eigentlich schon immer relativ günstige Epiphone Gitarren mit Humbucker Tonabnehmern besessen. Die Qualität der Tonabnehmer war nie die Beste. Ein digitaler Effektprozessor ist da genauso anspruchsvoll, wie ein guter Röhrenamp.

Amplitube 3 bot mir damals endlose Möglichkeiten

Ich glaube es hat bis 2011 gedauert, bis ich mich wieder intensiver mit dem Recorden beschäftigt habe und von da an wollte ich komplett alles im Rechner machen. Ich hatte damals so eine abgespeckte Version von Presonus Studio One und kaufte mir eine günstige Version von Amplitube 3. Ich habe damals noch Guitar Rig von Native Instruments ausprobiert, aber Amplitube klang für meine Ohren immer am besten … das ist bis heute so geblieben.

Plötzlich hatte man alle Möglichkeiten des V-Amp auf dem Bildschirm. D.h. man konnte auch sehen, wie der Amp aussah, der Speaker, die Bodentreter. Man konnte sogar die Position der Mikrofone einstellen, an allen virtuellen Reglern drehen … unglaublich. Alles wurde bis ins kleinste Detail simuliert. Und wie klang es? Schon gar nicht schlecht, aber die digitale Herkunft war für meine Ohren noch spürbar.

Steinberg UR22 – USB-Audio-Interface der günstigen Einsteigerklasse

Das ganze hatte aber noch einen entscheidenen Nachteil. Das analoge Signal der Gitarre musste zunächst in ein digitales umgewandelt werden und das digitale Signal der Amp-Emulation wieder zurück in ein analoges hörbares Signal. Das kostet Zeit! Man benötigte ein spezielles Audio-Interface und einen relativ flotten Rechner. Die Treiber für die Standard PC-Soundkarten waren schlichtweg zu langsam. Das Signal kam verzögert aus den Boxen bzw. Kopfhörern, dass kein echtes Spielgefühl zustande kam. Glücklicherweise wurden die Audio-Interfaces immer billiger und USB immer schneller. Für rund 100-200 Euro bekam man schon ein ausreichend gutes Interface mit entsprechend niedrigen Latenzen.

Der AD30 von Orange ist mein Lieblingsamp in Amplitube 4

Ende 2015 kam dann die vierte Version von Amplitube auf den Markt und diese klang in meinen Ohren dann wirklich richtig gut. Mittlerweile gab es haufenweise Anbieter von Gitarrenamp-Emulationen in Softwareform und jede Version wartete mit neuen Features auf. Es bleibt natürlich jedem selbst überlassen wie weit er in den Sound eingreifen will. Ich persönlich kann auf das Ändern von virtuellen elektronischen Komponenten (Röhren, Kondensatoren,…) innerhalb einer Software verzichten 🙂 Möglich ist dies aber mittlerweile schon.

In Bias Amp von Positive Grid kann man sogar die virtuellen Röhren tauschen 😉

Man bekommt alle möglichen klassischen Verstärker, Cabinets und Bodentreter in Softwareform und die meisten machen ihrem Namen wirklich alle Ehre. Aber gerade virtuelle Bodentreter haben den Nachteil, dass man nicht wirklich auf ihnen herumtreten kann. wie bediene ich ein Wah Wah Pedal, oder wie springe ich mit dem Fuß auf einen Verzerrer im Refrain eines Songs? Midi ist auch hier die Antwort. Es gibt etliche Hersteller, die spezielle Midi-Controller für Gitarristen anbieten. Diese sehen meistens aus, wie ein Multi-Effektboard, beherbergen aber keine eigenen Effekte, sondern können nur per Midi-Signal Software-Instrumente ansprechen. Leider sind diese Controller nicht besonders günstig. Selber bauen wäre hier eine echte Alternative.

Behringer baut auch Midi-Controller für Gitarristen. Der FCB1010 kostet aber auch ein paar Mark

Eine zweite Möglichkeit ist die Parameteränderung NACH der Aufnahme. Wieder ein Vorteil (für viele aber auch ein Fluch) der Digitalisierung ist die Möglichkeit, jeden Parameter des Sounds auch im Nachhinein noch zu ändern. Somit kann ich auch später noch den Verstärker ändern, oder das Wah Wah anders einsetzen. Moderen DAWs machen all dies möglich. Man muss sich allerdings irgendwann entschieden, sonst fummelt man endlos an an den Songs rum. The Paradox of Choice läßt grüßen.

Wer will kann aber auch seine guten alten Bodentreter zwischen Gitarre und Audio-Interface schalten und zumindest die guten alten Effekte benutzen und der Software nur die Verstärker-Emulation überlassen. Das mache ich auch ab und zu. Besonders wenn ich einen Wah Wah Effekt benötige. Ob das ganze gut klingt kommt ein wenig auf die Qualität des Audio-Interfaces an und auf die gewählte Verstärker-Emulation. Aber auch im echten Leben mag nicht jeder Amp jeden Treter 😉

Unter’m Strich kann ich sagen, dass seit ca. 5 Jahren Verstärker Emulationen in Softwareform durchaus mehr als nur eine Alternative zum herkömmlichen Gitarrensound sind. Auch in großen, professionellen Produktionen greift man immer mehr zum digitalen Amp. Im Proberaum einer Band würde ich allerdings immer noch echte Verstärker vorziehen, aber zum Recorden bieten sie auch dem kleineren Portemonnaie die Möglichkeit gut klingende Aufnahmen in den Kasten zu bekommen.